Ausbau der U-Bahn in der bulgarischen Metropole Sofia

Seit dem Beitritt Bulgariens in die Europäische Gemeinschaft ist die Bautätigkeit stark gestiegen. Der folgende Beitrag stellt einige Projekte ganz kurz und das Projekt Metro Sofia im Detail vor.

Der Beitritt der mittelost- und südosteuropäischen Staaten zur Europäischen Union (EU) erweiterte ihre Möglichkeiten zur Finanzierung öffentlicher Verkehrsinfrastruktur. Die Co-Finanzierung solcher Projekte mit den Fonds der Gemeinschaft ermöglicht mitunter den Bau großer und strategisch wichtiger Vorhaben. Diese Großprojekte verbessern einerseits die Lebensqualität der ansässigen Bevölkerung, indem diese mit moderner, effizienter Infrastruktur ausgestattet wird und die Umweltbelastung im Stadtgebiet signifikant sinkt; andererseits bieten sie der heimischen und internationalen Wirtschaft neue Impulse und Möglichkeiten zur Partizipation und ihrer Weiterentwicklung.

Bulgarien trat am 1. Januar 2007 der EU bei. Seitdem stellen nicht nur die Einwohner der Hauptstadt Sofia eine rege Zunahme der Bautätigkeit fest. Die marode Infrastruktur aus den kommunistischen Zeiten ist stark sanierungsbedürftig. Es fehlen sowohl schnelle strategische Verbindungen zwischen den großen Städten des Landes als auch den wachsenden Anforderungen genügende innerstädtische Straßennetze, wobei die Verkehrsdichte stetig zunimmt. Die Hauptstadt Sofia mit ihren derzeit knapp 1,5 Mio. Einwohnern (inoffizielle Angaben sprechen von bis zu 1,8 Mio.) platzt förmlich aus ihren Nähten und die Einwohner haben es mit einer täglich sich verschlechternden Verkehrssituation zu tun.


Verschiedene Projekte

Entlastung sollen vor allem unterirdische Bauten bringen, die derzeit realisiert werden bzw. jüngst abgeschlossen wurden. Beispielsweise die vom türkischen Unternehmen Mapa Chengiz gebaute Autobahn A5, die Sofia mit Gjueschevo an der mazedonischen Grenze verbindet. Im Streckenverlauf befinden sich 3 zweiröhrige Tunnel mit einer Gesamtlänge von 1260 m (Tunnel 1: 440 m, Tunnel 2: 300 m und Tunnel 3: 520 m). Alle Tunnel wurden mit der cut-and-cover-Methode hergestellt. Die letzte der 6 Röhren wurde Mitte Dezember 2010 fertig gestellt, zurzeit werden Asphaltierungsarbeiten vollzogen sowie Installationsarbeiten bei der Elektro- und Sicherheitstechnik durchgeführt.

Ein vergleichsweise kleineres Projekt entsteht In der Nähe der Ortschaft Lyaskovo in Bulgariens Osten. Dort wird zurzeit ein zweispuriger Straßentunnel mit einer Länge von 880 m vorgetrieben. Die Arbeiten begannen am Nordportal und erfolgen mit Sprengvortrieb im Vollausbruch.

Eine verkehrspolitisch minder wichtige, dennoch besondere Herausforderung ist der Vortrieb des Schrägstollens „Vyara“ für eine Förderanlage im Chelopech-Bergwerk. In dieser Kupfer- und Goldmine in Bulgariens Westen wird zurzeit ein 1250 m langer Stollen aufgefahren. Das Profil der Röhre ist 22 m2 groß und die Längsneigung beträgt 17 %, was den Vortrieb zusätzlich verlangsamt. Die Bauweise ist die NÖT, die Arbeiten werden vom Tunnelbauunternehmen Adval AG durchgeführt. Bis zum heutigen Tag wurde ca. 1/4 der Gesamtlänge ausgebrochen.

Großprojekt Metro Sofia

Wer jedoch heutzutage sehen will, wie ein Großprojekt entsteht, der sollte in die bulgarische Hauptstadt kommen, wo die Erweiterung der Sofioter U-Bahn im vollen Gange ist (Bild 1). Bauherr und Betreiber der bereits bestehenden U-Bahnlinien ist die kommunale Metropolitan AG. Das nach 20jähriger Bauzeit im Jahr 1998 fertig gestellte „U-Bahnnetz“ verfügte lediglich über eine 6,5 km lange Linie mit 5 Stationen, die in den folgenden Jahren stetig ausgebaut wurde und im Herbst 2009 ihre heutige Form angenommen hatte. Es ist die „Erste Linie“, sie durchquert die Stadt vom Nordwesten in südöstliche Richtung. Im Rahmen des neuen General City Plan wurde im Jahr 2008 der Ausbau der bestehenden Linie sowie der Bau zweier neuer Linien beschlossen.

Die Erste Linie wird an ihrem südlichen Ende weitergebaut und erreicht nach der Fertigstellung eine Gesamtlänge von 29 km mit insgesamt 23 Stationen. Linie 2 wird das Stadtgebiet in nord-südlicher Richtung unterqueren, eine Gesamtlänge von 17 km aufweisen und 17 Stationen haben. Die dritte Linie schließlich wird eine Ost-West-Verbindung darstellen, 19 km lang sein und über 23 Stationen verfügen. Das U-Bahnnetz wird nach seiner Fertigstellung unter dem Stadtzentrum von Sofia mit den 3 U-Bahnlinien ein Dreieck bilden, sodass jede auf einer anderen Linie gelegene Haltestelle mit nur einem Umstieg erreicht werden kann.

Der Ausbau des U-Bahnnetzes wird absehbare und zukünftige infrastrukturelle Engpässe beseitigen, die das dynamische Wachstum der Stadt und die Zunahme ihrer Bevölkerung mit sich bringen. Mit dieser Erweiterung wird die Sofioter Verkehrsinfrastruktur an die Bedürfnisse einer Großstadt im 21. Jahrhundert angepasst.

U-Bahnstation 8-II

Im Dezember 2010 begann der Bau der Metrostation 8-II. Sie gehört zur zweiten Sofioter Metrolinie und befindet sich unterhalb des Königin-Marie-Luise-Boulevards, situiert zwischen dem Largo, dem Zentralen Einkaufshaus Sofias (ZUM) und der städtischen Großmarkthalle. Mit dem Bau der U-Bahnstation wurde die Arge „Metro Alliance“ mit den Unternehmen Stroyinject AG, Adval AG und Euro Alliance Engineering AG beauftragt.

Der Aushub der U-Bahnstation erfolgt nach der NÖTM. Dieses für U-Bahnstationen ungewöhnliche Vorgehen ist archäologischen Funden geschuldet, die oberhalb der geplanten Station entdeckt wurden. Kurz nach Beginn der Arbeiten wurden bei den Bodenuntersuchungen Überreste einer römischen Kirchenanlage, Gebäudemauern und Gräber gefunden, die zu Änderungen der bereits abgeschlossenen Planung sowie zu zeitlichen Verzögerungen des gesamten Bauablaufs geführt haben. Ursprünglich sollte die Anlage als eine mehrgeschossige, mit Schlitzwänden gebaute Baugrube entstehen, die nach ihrer Inbetriebnahme neben der U-Bahnstation über Geschäftsflächen sowie ein unterirdisches Parkhaus verfügen würde. Die nun beschlossene ungewöhnliche Bauweise – als Tunnel – erwies sich als der einzige Weg, die oberhalb der Anlage entdeckten archäologischen Funde zu schützen. Der Tunnel – seine Länge beträgt 108 m, der Querschnitt ist 258 m2 – wird in Teilquerschnitten vorgetrieben, um vortriebsbedingte Setzungen zu verringern. Der Tunnel wird mit Gegenvortrieb aufgefahren. Um die gewünschte Tiefe unterhalb der Ruinen zu erreichen, wurden sowohl am nördlichen, als auch am südlichen Ende der Station 21 m tiefe Baugruben errichtet. Der Ulmenstollenvortrieb startete bereits aus der nördlichen Baugrube, der linke Ulmenstollen wurde bereits durchbrochen, im rechten Stollen erfolgte kürzlich der Durchbruch. An der südlichen Baugrube wurden bis zum heutigen Tag die Schlitzwände hergestellt, zurzeit werden Anker- und Aushubarbeiten verrichtet (Bild 3).

Die U-Bahnstation 8-II wird eine zentrale Rolle im Geflecht der Sofioter U-Bahn einnehmen. Sie befindet sich an der Kreuzung zweier U-Bahnlinien: der Ersten Linie (Lyulin - Mladost – Tsarigradsko Chaussee) und der Zweiten Linie (Nadezhda – Hauptbahnhof - Nationalkulturpalast - Kempinski-Hotel).

Nach ihrer Fertigstellung wird die U-Bahnstation nicht nur zur Verbesserung der angespannten Verkehrslage im Sofioter Stadtgebiet führen. Abgesehen von der Wahrung der archäologischen Funde werden diese in der Station für Bewohner und Besucher der Stadt ausgestellt werden.

Verbindungstunnel „Hemus“ zwischen U-Bahnstation 10 und 11

Der 718,40 m lange einröhrige, zweispurige Metrotunnel führt vom Hemus Hotel über Cherni Vrah Boulevard bis zur Zlaten Rog Straße und wurde bergmännisch mit einem Profil von 75 m2 Fläche aufgefahren (Bild 4). Der Tunnel ist Teil der zweiten U-Bahnlinie, die das Stadtgebiet von Sofia in nordsüdlicher Richtung durchquert.


Am 7. Dezember 2010 wurden die Vortriebs- und Sicherungsarbeiten abgeschlossen, zurzeit wird die Betonsohle hergestellt und die Hydroisolierung gelegt (Bild 5). Den Auftrag erhielt die Arge „Metro Trace“, der die Unternehmen Trace Group Hold AG, SB Engineering AG und Trace Sofia AG angehören, wobei für die Tunnelbauarbeiten SB Engineering AG mit dem Subunternehmen Adval AG verantwortlich zeichneten.


Der Vortrieb wurde von extrem komplexen geologischen Bedingungen begleitet. Trotz schwieriger Grundwasserzustände und unstabiler sandiger Böden wurden die Qualitätsmaßstäbe und -vorgaben eingehalten und die Vortriebs- und Sicherungsarbeiten fristgemäß abgeschlossen.

Tunnel unter dem Alexander Malinov Boulevard

Am 9. Februar 2011 wurde der zweiröhrige Tunnel unterhalb des Alexander Malinov Boulevard durchgebrochen. Er verbindet die Metrostation 13 (Mladost I) mit der Metrostation 18. Die Strecke bildet eine Verlängerung der bereits bestehenden Metrolinie I im Südosten von Sofia. Die Vortriebs- und Sicherungsarbeiten wurden fristgemäß abgeschlossen (Bild 6).


Beide Tunnelröhre sind 365 m lang, das Profil beträgt 35 m2. Die besondere Herausforderung für die Ingenieure lag einerseits in der geringen Überlagerung über den Röhren, die zum Teil nur 1,0 m zwischen 2 Tunnelröhren bzw. 2,0 m zwischen der Tunnelröhre und der Oberfläche betrug, andererseits in der verkehrstechnisch äußerst ungünstigen Lage der Baustelle und der enormen Verkehrsdichte im Sofioter Stadtgebiet. Die oberflächigen Verkehrsströme sollten von den Bauarbeiten so wenig wie möglich gestört werden, weshalb sich auf dem Großteil der Strecke trotz der geringen Überdeckung die bergmännische NÖT-Bauweise als angemessen erwies. Der verbliebene 50 m lange Tunnelabschnitt wurde in offener Bauweise ausgeführt. Mit dem Bau des Tunnels wurde die Arge „Metro Mladost“ beauftragt, der die Unternehmen Trace Sofia AG, PSI AG, Adval AG und (für die offene Bauweise zuständig) Stroyinject AG angehören (Bild 7).


In naher Zukunft wird mit einer weiteren Verlängerung dieser Strecke begonnen. Diese Abzweigung wird zum Business Park Mladost führen; der Tunnel wird nach seiner Inbetriebnahme zweigleisig befahren werden.

Tunnel Tsarigradsko Chaussee

Eine weitere Verlängerung der Metrolinie I bildet der 375 m lange zweigleisige Tunnel zwischen der Metrostation 18 und 19 (Tsarigradsko Chaussee). Das Profil der Röhre ist 75 m2 groß. Der größte Teil der Anlage wurde bergmännisch aufgefahren, eine verbleibende Strecke von ca. 60 m wurde in der offenen Bauweise hergestellt (Bild 8).


Die Vortriebs- und Sicherungsarbeiten wurden am 28. Oktober 2010 abgeschlossen und von der Arge „Metro Mladost“ ausgeführt, der folgende Unternehmen angehören: Trace Sofia AG, PSI AG, Stroyinject AG sowie Adval AG, die für die NÖTM zuständig war (Bild 9).


Zurzeit werden Arbeiten an der Innenschale und an der Hydroisolierung ausgeführt, sodass die Inbetriebnahme dieses Streckenabschnitts fristgemäß erfolgen kann.

Ausblick

Die wichtigsten Abschnitte dieses von der Europäischen Investitionsbank und lokalen Geldgebern finanzierten Projekts der Erweiterung des Sofioter U-Bahnnetzes sollen im Jahr 2013 abgeschlossen werden. Die Priorität der Bauherren liegt eindeutig auf den verkehrstechnisch problematischsten Stadtvierteln und deren unterirdischer infrastruktureller Erschließung. Im Jahr 2015 soll voraussichtlich mit dem Bau der Dritten Linie begonnen werden, womit auch die peripheren Wohnviertel im Südwesten sowie im Osten der Stadt ans U-Bahnnetz angeschlossen wären. Nach der Fertigstellung aller 3 U-Bahnlinien steigt die Kapazität auf 50.000 Passagiere/Stunde (bis zu 1,2 Mio. Passagiere/Tag). Die U-Bahn wird dann einen Anteil von ca. 68 % im öffentlichen Nahverkehr der bulgarischen Hauptstadt erreicht haben.

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