Österreich/Italien

BrennerCongress 2013 in Bozen

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Univ.-Prof. Dipl.-Ing. DDr. Bergmeister, Universität für Bodenkultur, Wien/A, eröffnete am 21. Februar 2013 in Bozen/I den 6. BrennerCongress. Er leitet das internationale Symposium gemeinsam mit Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. mont. Purrer, Leopold Franzens Universität, Innsbruck/A. An zwei Tagen referierten internationale Experten über Themen rund um Bau, Betrieb und Instandhaltung von Schiene und Straße – zu den Bauarbeiten am Brenner Basistunnel (BBT) und seinen Zulaufstrecken und über andere aktuelle Projekte. Die von über 200 Teilnehmern besuchte Veranstaltung schloss mit zwei Exkursionen – zur Tunnelbaustelle Mauls des BBT und zur Wasserstoffpilotanlage in Bozen Süd an der A22.

BBT – Herzstück des Europäischen Korridors

Nach Dr. Mussner, dem Landesrat für öffentliche Bauten, Vermögen, ladinische Schule und Kultur der Autonomen Provinz Bozen, Südtirol/I, folgte Pat Cox, TEN-T Koordinator PP1 der Europäischen Kommission mit einem „politischen” Überblick über den BBT – das Herzstück des Europäischen Korridors Helsinki-Valletta. Die europäische Kommission stufte den Ausbau der Eisenbahnachse Berlin-Palermo als Prioritäres Projekt (TEN Nr. 1) ein. Die Strecke im Norden bis nach Helsinki/Finnland und im Süden bis nach Valletta/Malta soll im neuen TEN-Strategieplan (2014 bis 2020) verlängert werden. Herzstück ist die Durchquerung des Alpenbogens mit dem BBT.

Über die südliche Zulaufstrecke berichtete Mauro Fabris, Außerordentlicher Regierungskommissar Italiens für die Brennerstrecke. Er verdeutlichte, wie wichtig die vier italienischen Korridore für die Infrastruktur Italiens und ganz Europas sind.

Prof. Bergmeister berichtete mit Mag. Schierl, Brenner Basistunnel BBT SE, über den Erkundungsstollen Ahrenstal. Die Vortriebsarbeiten begannen im August 2007. Bis Januar 2013 waren bereits rd. 16,5 des  60 km langen Erkundungsstollens ausgebrochen. Der 64 km lange BBT verläuft zwischen Tulfes/A und Franzensfeste/I mit maximaler Längsneigung von 6,7 ‰. Der Erkundungsstollen wird mittig unter den beiden Haupttunneln gebaut. Er dient hauptsächlich zur Erkundung des Gebirges, um Modelle zu entwickeln, das Baurisiko zu vermindern und Baukosten und Bauzeiten zu optimieren. In der Betriebsphase dient der Erkundungsstollen als Entwässerungskanal, in dem unabhängig vom Hauptstollen und nahezu unabhängig vom Betrieb Überwachungen und Erhaltungsarbeiten durchgeführt werden können.

Der Vortrag von Dott. Ing. Zurlo, Dott. Geol. Skuk und Dott. Ing.  Roccia, Brenner Basistunnel BBT SE, behandelte die Durchquerung der Periadriatischen Naht. Für Geologen ist die Querung dieser besonderen tektonischen Zone eine aufregende Reise in die Vergangenheit und für Tunnelbauer wegen möglicher Überraschungen während des Vortriebs nicht zu unterschätzen.

Koralmbahn und ­Unterinntalbahn

Dipl.-Ing. Katzianer berichtete  mit Mag. Harer, ÖBB Infrastruktur AG, über das Baulos KAT2 des Koralmtunnels. Die Koralmbahn ist Teil der internationalen Baltisch-Adriatischen Achse von Danzig bis Bologna und aktuell eine der umfassendsten Bauaufgaben Österreichs. Das Herzstück der Koralmbahn ist der 32,9 km lange Koralmtunnel mit komplexer Bauausführung und Logistik.

Im Dezember 2012 ging die neue Unterinntalbahn zwischen dem Knoten Radfeld und der Verknüpfungsstelle Baumkirchen fahrplanmäßig in Betrieb. Dipl.-Ing. Gradnitzer, ÖBB Infrastruktur AG, ging auf die Meilensteine im Projekt von 1996 bis 2012 ein. Er erlaubte sich eine kritische Weganalyse der Unterinntalbahn – besonders zu folgenden Aspekten:

Zeitlicher Kontext zwischen den Fortschritten an der Unterinntalbahn und der TEN-Achse 1 zwischen München und Verona.

Genehmigungsverfahren und Auswirkung auf den späteren Betrieb der Unterinntalbahn.

Zeitgerechte Umsetzung der baulichen Maßnahmen an der Unterinntalbahn aus Sicht des Projektmanagements.

Tunnelbohrmaschinen

Mit dem Thema „Vortrieb mit Hydro- und EPB-Schilden in Tonformationen – Beurteilung von Verklebungsneigung und Feinkornanfall” starteten Prof. Dr.-Ing. Thewes und Dipl.-Geol.  Hollmann, Ruhr-Universität Bochum, den Schwerpunkt zu TBM. Die Verklebungsneigung von Lockergesteinen und das Auflösen von Feinkorn aus dem kohäsiven Bodengefüge führen vielfach zu negativen Auswirkungen. Ob ein bestimmtes tonhaltiges Lockergestein kritisch wird, hängt von den Bodeneigenschaften und den hydrogeologischen und baubetrieblichen Randbedingungen ab. Mit einem Bewertungs-Diagramm, das mögliche Wassergehaltsänderungen während des Vortriebs berücksichtigt, können Böden bei variierenden Randbedingungen und ebensolchem Wasserangebot beurteilt werden.

Dr. Ing. Bandieri, Toto S.p.A. Costruzioni Generali, berichtete von „Martina“, der derzeit größten Erddruck-TBM weltweit. Der Sparvo Tunnel gehört zur „Variante di Valico” und ist Teil einer 66 km langen neuen Autobahn zwischen Sasso Marconi und Barberino di Mugello, die Bologna und Florenz verbindet. Das Projekt ist in 13 Lose aufgeteilt, von denen der Sparvo Tunnel eines der Hauptlose darstellt. Die EPB-TBM „Martina” (Herrenknecht-TBM S-574) hat einen Durchmesser von 15,615 m. Besondere Herausforderungen waren neben dem großen Durchmesser lose Böden und Grubengase, die im Zuge des Vortriebs erwartet wurden. Nach zwei Jahren Vortriebs wurde die TBM umgesetzt, um die zweite Röhre aufzufahren. Sie soll im Juni 2013 den Durchschlag erreichen und eine Reihe von Rekorden brechen.

Mit seinem Vortrag zum „Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance – Durchörterung einer Störzone unter drückendem Wasser mittels TBM” beendete Dipl.-Ing. SIA Teuscher, tce Teuscher Consulting Engineer, den Schwerpunkt. In der Schweiz wird derzeit das zweitgrößte Pumpspeicherkraftwerk des Landes „Nant de Drance” gebaut. Baubeginn war im Herbst 2008. Für 2017 ist die Inbetriebnahme der ersten Turbine geplant. Auftraggeber sind die Elektrizitätsgesellschaft Alpiq AG, die Schweizerischen Bundesbahnen SBB, die Industriellen Werke Basel und die Walliser Elektrizitätswerke FMV. Während die Störzone gut prognostiziert wurde, ist die Linienführung des Zugangstunnels nicht ganz ideal. Zusammenfassend resümierte Teuscher, dass selbst für äußerst schwierige Verhältnisse mit 30 bar Wasserdruck, Wasserzutritten von bis zu 40 l/s und 13 Injektionsschirmen im vollen Tunnelumfang mit einer offenen Gripper-TBM die schwierigen Rahmenbedingungen beherrscht werden konnten. Das Projekt wurde in der kürzest möglichen Bauzeit realisiert.

Sonstige Themen

Über „Das Leben an einer Hauptverkehrsader durch die Alpen – die Zukunft der Mobilität im Zeichen der Nachhaltigkeit” berichtete C. Costa, Brennerautobahn AG. G. Burger, Abt. Mobilität – Autonome Provinz Bozen Südtirol, folgte über das „Projekt Metrobus Überetsch-Bozen und Rittner Seilbahn”. Das „Pilotprojekt Asphalt Rubber“ stellte P. Montagner, Abt. Straßendienst – Autonome Provinz Bozen Südtirol, vor. Wie die „Realisierung eines Infrastrukturprojekts als sozialer Prozess” zu bewerten ist, erläuterte Prof. Purrer. Die Bedeutung von „Verkehr im Spannungsfeld sozial-ökonomisch-ökologisch” analysierte Prof. Mailer, Universität Innsbruck.

Dipl.-Ing. Dr. techn. Fröch und Dipl.-Ing. Flora, Universität Innsbruck, zeigten die „Potenziale von Nachhaltigkeitsbewertungen für den Tunnel- und In­frastrukturbau” auf. Sie kommen  zur Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit nur durch Einführung von Zertifikaten nachvollziehbar und vergleichbar wird. Deren Mehrwert zeigt sich in Lebenszyklusbetrachtungen, mit denen erzielbare Kostenreduktionen in der Nutzungsphase sichtbar werden.

Prof. Marte und Georg Ausweger, TU Graz, erläuterten die Beherrschung von Geländeeinschnitten in rutschgefährdeten Hängen. Dr. Mair, Dr. Strada und Dr. Carrara, Amt für Geologie – Autonome Provinz Bozen Südtirol, informierten über „Sicherheitsmanagement und Gewährleistung der Funktionalität von europaweit relevanten Straßenverbindungen bei hydrogeologischen Gefahren (Paramount Projekt)“. Prof. Bergmeister beschrieb die Lebensdauer von Ingenieurbauwerken und Dr.  Lenisa, Abt. Straßendienst – Autonome Provinz Bozen Südtirol, betrachtete den Zustand eines durchschnittlich 40-jährigen Vermächtnisses von 1.758 Brücken und 1.087 km Leitplanken entlang eines Bergstraßennetzes. Zum Abschluss referierte B. Marinali, Ministerium für Infrastruktur und Transport, über Querfinanzierung und Betrieb.

BrennerCongress 2014

Der 7. BrennerCongress findet vom 19. bis 21. Februar 2014 in Innsbruck/A statt. Beitragsvorschläge können Sie per E-Mail an einreichen.⇥R.H.

Kasten zu Bild 7:

Meilensteine des Projekts Unterinntalbahn

1996 Beginn der Projektbearbeitung

1997 Einreichung der Unterlagen zur Umweltverträglichkeitserklärung für Neubaustrecke Kundl/Radfeld-Baumkirchen

1999 Baubeginn Erkundungsstollen

2002 Baugenehmigung durch BMVIT und offizieller Baubeginn

2003 Start der Arbeiten am Tunnel Vomp-Terfens als erste von 10 Hauptbaumaßnahmen

2009 Beginn der Ausrüstungsarbeiten (Baulos A1), Fertigstellung Verknüpfung Baumkirchen

2011 Fertigstellung der Verknüpfung Stans, Verlegung der letzten Schiene im Unterinntal (Goldener Nagel im Tiergartentunnel)

2012 Beginn der Mess- und Abnahmefahrten im Abschnitt Stans-Baumkirchen (Terfnertunnel), Fertigstellung der Verknüpfung Radfeld, Fahrplanmäßige Inbetriebnahme der Neubaustrecke

Aktuell Restarbeiten und Überprüfungs-UVP

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