Tunnelbau in der Türkei

Prof. Dr. Nuh Bilgin im Interview

Die Turkish Tunnelling Society (TTS) wurde im August 2012 gegründet, weil der Wunsch nach einem solchen Verband innerhalb der nationalen Tunnelbaubranche sehr groß war. Seitdem wächst die TTS rasant. Der Verband hat 700 Einzelmitglieder und 47 Mitgliedsunternehmen.

Anlässlich der Tunnel Expo Turkey Ende August in Istanbul, hatte tunnel-Redakteur Marvin Klostermeier Gelegenheit, sich mit dem Vorsitzenden der TTS, Prof. Dr. Nuh Bilgin, über die Ziele des noch jungen Verbandes und die Aussichten des türkischen Tunnelbaus zu unterhalten.

Prof. Bilgin, welches sind die wichtigsten Instrumente und Aktivitäten, mit denen die TTS den türkischen Tunnelbau fördert?

Die TTS organisiert Konferenzen, Kurzlehrgänge, Seminare und Studienreisen. Darüber hinaus veröffentlichen wir alle zwei Monate die Zeitschrift „tünel“. Jeder, der sich dafür interessiert, kann die Zeitschrift als gedrucktes Exemplar beziehen oder sie von unserer Homepage herunterladen [www.tunelder.org.tr].

Außerdem empfehlen wir unseren Mitgliedern die Teilnahme an ITA-Konferenzen und organisieren Gruppenreisen. In diesem Jahr haben 60 unserer Mitglieder am Welttunnelkongress in Dubrovnik teilgenommen und 16 Beiträge eingereicht. Wir prämieren die besten Bachelor- und Masterarbeiten. Wir haben gemeinsam mit der Demos Fair Company nun die zweite Tunnel Expo Turkey organisiert, die zu einer der weltweit größten Veranstaltungen für Aussteller aus der Tunnelbranche werden soll.

Wie viele Tunnelbauprojekte werden in der Türkei derzeit insgesamt geplant und gebaut?

Die Türkei plant, in unmittelbarer Zukunft 35 Milliarden Euro in Tunnelbauprojekte zu investieren. Hier hat eine Entwicklung eingesetzt, die eine unaufhaltsame Schubkraft besitzt.

Vor 2004 hatte die Metro in Istanbul eine Gesamtlänge von 45 km. Zwischen 2005 und 2013 wurden weitere 141 km Tunnel gebaut und gemäß Planung sollen zwischen 2014 und 2019 nochmals 400 km realisiert werden.

Derzeit sind darüber hinaus landesweit 1600 Wasserkraftprojekte in Arbeit und dafür werden 850 Tunnel geplant. In nächster Zeit werden in Istanbul Versorgungstunnel von rund 47 km Länge errichtet und rechnet man die anderen Städte hinzu, sind es insgesamt 80 km. Straßentunnel von 85 km Gesamtlänge und Eisenbahntunnel mit einer Gesamtlänge von 78 km sollen in naher Zukunft gebaut werden. Außerdem werden jährlich viele Hundert Kilometer befahrbare Bergwerksstollen hinzukommen.

Können Sie uns einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Projekte geben?

Jeden Tag sind rund 14 Millionen Menschen in Istanbul unterwegs und mit dem Marmaray-Tunnel, das 2013 in Betrieb genommen wurde, wird der öffentliche Nahverkehr für die Bewohner der Stadt ausgebaut. Das Marmaray Projekt ist momentan eines der größten Infrastrukturprojekte der Welt und ein großer Erfolg für die türkischen Bauunternehmen. Das Hauptprojekt umfasst einen Absenktunnel sowie weitere Tunnel, die in offener und geschlossener Bauweise hergestellt wurden.

Der Eurasia-Tunnel, der von Yapı Merkezi und SK Engineering & Construction Co. Ltd. errichtet wird, ist ein Straßentunnel in Istanbul, der unter dem Bosporus verläuft. Das Bauvorhaben soll im Oktober 2016 fertiggestellt werden. Es wurde eine Hydroschildvortriebsmaschine von Herrenknecht mit einem Durchmesser von 13,7 m eingesetzt, um einem maximalen Wasserdruck von 12 bar unterhalb des Bosporus standzuhalten. Der so vorgetriebene zweistöckige Tunnel besitzt eine Länge von 3,4 km, und weitere 2,0 km werden in Spritzbetonbauweise sowie in offener Bauweise erstellt.

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass schon bald die Ausschreibungsfristen für neue Metroprojekte auf den Linien Dudullu–Bostancı und Ümraniye –Ataşehir–Göztepe in Istanbul starten, für die 12 EPB-Tunnelbohrmaschinen erforderlich sein werden. Wir schätzen, dass zwischen 2016 und 2018 im Untergrund von Istanbul 25 EPB-TBM im Einsatz sein werden.

Ein weiteres faszinierendes Projekt, das derzeit erwogen wird, ist der Bau eines dreistöckigen Tunnel unter dem Bosporus mit 18,8 m Durchmesser, der eine Ebene für die Bahn und zwei Ebenen für den Autoverkehr zur Verfügung stellen würde.

Welche Rolle spielt der Tunnelbau in der Infrastrukturentwicklung der Türkei?

Die Bevölkerung der Türkei wächst sehr stark. Wir haben derzeit rund 78 Millionen Einwohner. Die meisten davon leben in Städten wie Istanbul, Ankara, Izmir, Bursa und Antalya, weshalb neue unterirdische Bauwerke, wie U-Bahn-Tunnel und Abwasserkanäle, benötigt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die großen Gebirgszüge und die vielen großen Flüsse.

Wie hat sich der Ausbau der Infrastruktur in Istanbul in den vergangenen Jahrzehnten im Bezug auf den Tunnelbau entwickelt?

Istanbul war ein Vorreiter beim Bau von U-Bahn- und Versorgungstunneln. Der erste Metrotunnel wurde in Istanbul 1876 zwischen Karakoy und Galatasaray eröffnet. Doch erst in den 1980er Jahren haben wir mit der Planung und dem Bau neuer Metrotunnel begonnen. Die Abwassertunnelprojekte starteten 1985 mit der Säuberung des Goldenen Horns in Istanbul. Das stellte den Wendepunkt für den maschinellen Tunnelvortrieb dar. Sechs Herrenknecht Teilschnittmaschinen mit Schrämen leisteten exzellente Arbeit in diesem Sedimentgestein. Das ehrgeizige Programm zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung, das 20 km eines ringförmigen Abwassersystems mit Durchmessern von 2,2 m bis 4,5 m umfasste, wurde von der Weltbank ins Leben gerufen, von der Istanbuler Stadtverwaltung finanziert und von der Wasser- und Abwasserbehörde Istanbuls (ISKI) geplant. Für den Abwasserstollen Baltalimanı kam 1987 zum ersten Mal eine TBM in Istanbul zum Einsatz. Dabei handelte es sich um eine offene TBM. Die Arbeiten waren ein Alptraum für Bauunternehmer und Auftraggeber: Extremer Verschleiß der Schneidrollen, Stützarbeiten und schlechte Bodenverhältnisse führten zu einer Maschinenauslastung von nur 7 %. Die spezielle Abstützung von Kavernen innerhalb von Trakya- Formationen, die aufgrund von Einstürzen erforderlich war, sorgte allein für 74 % der Stillstandszeit. Nach einer gewissen Strecke wurden die TBM schließlich durch Teilschnittmaschinen ersetzt. Um die Jahrhundertwende wurden schließlich EPB-TBMs der Standard beim Tunnelvortrieb in Istanbul.

Welche Segmente des Geschäfts kann die türkische Tunnelbauindustrie durch heimische Firmen selbst abdecken?

In unserem Land gibt es einheimische Projektunternehmen, die seit Jahren aktiv sind. Doch auch einige ausländische Firmen haben in der Entwicklung diverser Tunnelprojekte eine wichtige Rolle gespielt und sind noch immer an großen Projekten beteiligt. Die Tunnel werden hauptsächlich von türkischen Firmen gebaut, doch in etwa 20 % werden auch als Joint Venture von internationalen Unternehmen realisiert, wie zum Beispiel der Melen-Wassertunnel unter dem Bosporus in Istanbul, der Moda-Abwassertunnel in Istanbul, der Bolu-Straßentunnel oder die Kartal–Kadıkoy-Metrotunnel. Es gibt einige gut entwickelte Firmen vor Ort, die technische Ausrüstung fertigen, aber wir importieren etwa 80 % der wichtigen Geräte.

Ist die Ausrichtung der türkischen Tunnelbauindustrie und der Planungsbüros eher auf nationale oder auch auf internationale Projekte fokussiert?

Türkische Baufirmen und Projektunternehmen konzentrieren sich eher auf nationale Projekte. Doch in den vergangenen fünf Jahren konnten auch große Erfolge in Polen, Bulgarien, Russland, Irak, Saudi-Arabien, Katar, Aserbaidschan, Äthiopien und anderen Ländern erzielt werden. Das führte dazu, dass türkische Firmen nun auch verstärkt am internationalen Markt interessiert sind.

Prof. Bilgin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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