International Tunnel Forum – Ökologie, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz
Vom 22. bis zum 25. September fand in Berlin die InnoTrans mit mehr als 125 000 Besuchern aus 128 Ländern statt. Ein Programmhöhepunkt aus dem Fachprogramm der internationalen Leitmesse der Verkehrstechnik war das von der STUVA veranstaltete International Tunnel Forum. Moderiert von STUVA-Geschäftsführer Prof. Dr.-Ing. Roland Leucker widmeten sich je zwei Expertenpanels an zwei Veranstaltungstagen den spannenden Leitthemen: „Tunnel – Schlüssel zur Ökologie und Lebensqualität“ und „Digitalisierung und künstliche Intelligenz im Tunnelbau und -betrieb“. Jeweils rund 80 Besucher nahmen an den beiden Vortragsveranstaltungen teil.
Rund 160 Besucher nahmen an den beiden erfolgreichen Vortragsveranstaltungen des International Tunnel Forums der STUVA im Rahmen der InnoTrans 2026 teil
Credit/Quelle: Klostermeier
Die Experten auf der Bühne referierten dabei nicht nur kurzweilig und aufschlussreich über ihre Fachthemen, sondern stellen sich auch den Fragen der interessierten Zuschauer. Das International Tunnel Forum bot anhand zahlreicher Praxisbeispiele erneut frische Denkansätze und gab einen tieferen Einblick in hochaktuelle Ideen und Konzepte aus Planung, Bau und Betrieb von Tunnel – und darüber hinaus.
Tunnel – Schlüssel zur Ökologie und Lebensqualität
Dipl.-Vw. Bernd Kollberg (Intraplan Consult GmbH) befasste sich mit der Standardisierten Bewertung, die im Bereich der Verkehrsinfrastruktur als offizielles, methodisches Verfahren zur Beurteilung von Investitionen von zentraler Bedeutung für den öffentlichen Personennahverkehr ist, da Bund und Länder sie als Entscheidungsgrundlage für den Einsatz öffentlicher Investitionsmittel verwenden. Ein Teilindikator in der Projektbewertung ist dabei auch der Ausstoß von Treibhausgasen und Luftschadstoffen, die bei Bau und Betrieb anfallen. Wenn hohe Treibhausgas-Emissionen dazu führen, dass in der Standardisierten Bewertung die Kosten höher sind als der Nutzen, werde damit das Bauprojekt in Frage gestellt. Wenn zwar die klare Notwendigkeit besteht, zum Beispiel ein Tunnelbauwerk zu errichten, sei es doch für die Planenden empfehlenswert so zu planen, dass das verbaute Beton- und Stahlvolumen möglichst gering ausfällt. An die Baustoffindustrie ging die Empfehlung, weiterhin die Reduzierung der spezifischen Treibhausgas-Emissionen von Beton und Stahl voranzutreiben. Beides begünstigt die Bewertung geplanter Bauvorhaben.
Vom 22. bis zum 25. September fand in Berlin die InnoTrans mit mehr als 125 000 Besuchern aus 128 Ländern statt. In den Ausstellungssegmenten Railway Infrastructure und Tunnel Construction waren mehr als 600 Aussteller vertreten
Credit/Quelle: Klostermeier
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Michael Haist von der Universität Stuttgart vertiefte das Thema klimaeffiziente und ressourcenschonende Betone für den Tunnelbau. „Nachhaltiger Tunnelbau ist heute schon möglich“, stelle er fest. „Auf Null kommen wir bei den CO2 Einsparungen zwar nicht“, Einsparungen von bis zu 50 % seien aber durchaus möglich. Den Einsparung stehen dabei Fragen der Materialqualität und Verwendbarkeit für Tunnelbauwerke gegenüber: Wie tragfähig verschiedene Ansätze von Betonzuammensetzungen mit neuen Zusatzstoffen sind und ob sich Nachhaltigkeit „zum selben Preis“ erreichen waren weitere Kernaspekte des Vortrags.
Dr.-Ing. Peter Hoffmann (Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH) referierte über „Change Agents – Erhöhung der Lebensqualität durch Stärkung von Nachhaltigkeitskompetenzen“. Hoffmann ist in der Projektleitung der Hamburger U-Bahn U5 tätig – bei diesem Projekt werden genau diese Nachhaltigkeitskompetenzen bei der Planung von Infrastrukturprojekten in die Tat umgesetzt. Sein Vortrag am Beispiel der Ost-West-Achse in Köln, die den Bau einer 3,5 km langen U-Bahnstrecke vorsieht, griff erneut Bewertungsaspekt für Tunnelbauprojekt auf, die zunehmend im Vordergrund stehen: ökologische Nachhaltigkeit und Steigerung der Lebensqualität durch neue Ideen für attraktive Lebensräume im Rahmen der Projektplanung. Lärmreduzierung, Verringerung versiegelter Fäche (am Projektbeispiel aus Köln zum Beispiel durch die Pflanzung von 200 Platanen am Neumarkt im Rahmen einer unterirdischen Linienführung) – diese und weitere Planungsaspekte, orientiert an den Globalen Nachhaltigkeitszielen, werden duch eine Monetarisierung der Maßnahme bewertbarbar gemacht. Klaus Rieker (Wayss & Freytag) stand zwar nicht auf dem Podium, meldete sich aber dafür aus dem Publikum mit klarer Zustimmung zu Wort: „Es wird viel über CO2 und Beton gesprochen, aber genau diese ökologischen, sozialen und gesundheitsrelevanten Kriterien werden nicht genug berücksichtigt“. Er sprach sich dafür aus, diese Kriterien auch in die Standardisierte Bewertung zu integrieren.
Den Abschlussvortrag des ersten Tages hielt Johanna Theilmann von der DB InfraGO AG. Sie beschrieb Wege zu nachhaltigen Eisenbahntunneln und klimaneutraler Schieneninfrastruktur. Die Schiene sei unverzichtbar und müsse ausgebaut werden: „und wir brauchen Tunnel. Aber der Bau von Tunneln verursacht hohe Emissionen“. Dagegen steht das gesteckte Ziel der Deutschen Bahn, bis 2040 als Unternehmen Klimaneutralität zu erreichen. Als Hebel zur CO2-Reduktion bei der Schieneninfrastruktur identifizierte Theilmann neben den Einsparpotentialen durch Planung und bei Materialeigenschaften- und -verbrauch auch die Kreislaufwirtschaft/das Recycling bei Bauvorhaben sowie die Baulogistik – mit im Vergleich deutlich geringeren aber nicht zu vernachlässigenden Emissionen. Auch die Instandhaltung spielt eine Rolle, wenn schon bei der Projektplanung eine möglichst einfache Instandhaltung mit wenig Materialverbrauch mitgedacht wird.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in Tunnelbau und -betrieb
Auch in der Tunnelbaubranche ist die Digitalisierung längst integraler Bestandteil bei Bau und Planung, und Künstliche Intelligenz bietet in Bau und Betrieb große Chance für Verbesserungen, Neuerung und Kosteneinsparungen. Dr.-Ing. Andreas Bach (Schüßler-Plan Digital) stellte die Frage in den Raum, ob es ein KI-Revolution im Tunnel- und Ingenieurbau geben werde? Dafür ordnete er die Fähigkeiten und die Anwendbarkeit verschiedener KI-Typen ein, erläuterte die Bedeutung von zur Verfügung stehenden Rechenkapazitäten und Datenmengen und setzte auseinander in welchen Bereich Bedarf für KI-Unterstützung besteht und wo die KI bereits der menschlichen Bearbeitung überlegen ist. Aufgrund der rapiden Zunahme der Leistungsfähigkeit von KI sieht Bach eine grundlegende Veränderung in Geschäfts- und Arbeitsprozessen auf die Branche zukommen. Neben angepassten Lösungen für den Bausektor benötige es insbesondere die richtige Kultur als Rahmenbedingung und die angemessene Kompetenz der Anwender.
Dr.-Ing. Frank Abel, ging detaillierter auf digitale Bauprozesse und die zukünftige Rolle von KI im Tunnelbau ein. Er erläuterte Praxis und Perspektiven anhand der tatsächlichen Anwendung bei der Hochtief Infrastructure AG. Digitalisierung im Tunnelbau entwickele sich seit nunmehr 20 Jahren von der Verarbeitung und Auswertung großer Datenmengen, über BIM-Modelle bis hin zu den heutigen und zukünftigen Möglichkeiten der KI. Die Herausforderungen – Fachkräftemangel, marode Infrastruktur, geopolitischer Umbruch – seien zwar groß, aber die digitale Technologie biete auch große Chancen. Sein Vortrags-Fazit: Die erfolgreiche und schnelle Umsetzung von Bauprojekten ist für unsere Zukunft von essenzieller Bedeutung. Die sinnvolle Nutzung von KI bei Bauprojekten kann bei der Bewältigung dieser Herausforderungen helfen.
Prof. Dr.-Ing. Gerhard Wehrmeyer von der Herrenknecht AG befasste sich speziell mit Automatisierung und Künstlicher Intelligenz für mehr Leistung, Sicherheit und Effizienz bei Tunnelbohrmaschinen. Einsatzgebiete für beide Technologielösungen finden sich in den Bereichen Logistik, Monitoring und Systemsteuerung, Ringbau und TBM-Steuerung. KI-Integration findet in nahezu allen Anwendungen statt: Vom Echtzeitmonitoring der Vortriebsdaten, über die Verschleißprognose bis hin zur perspektivischen Steuerung der TBM von der Oberfläche, vom LLM-basierten Copiloten für Steuerstand und Leitzentrale zur Analyse des Ausbruchmaterials – die Möglichkeiten bei der TBM-Technologie sind nicht nur überall erkennbar sondern schon sehr konkret formuliert.
