Partnerschaftliche Projektabwicklung im Tunnelbau
Konventionelle Projektabwicklungsmodelle mit Vergütung von Einheits- oder Pauschalpreisen stoßen, vor allem bei Großprojekten, regelmäßig an ihre Grenzen. Die Gründe sind vielfältig. Die Integrierte Projektabwicklung (IPA) bietet hier einen praxisnahen, kooperativen Ansatz. Besonders für den Tunnelbau, mit seinen geologischen Unsicherheiten, langen Vortriebsstrecken und sicherheitskritischen Rahmenbedingungen kann eine partnerschaftliche Projektabwicklung die Kosten- und Terminsicherheit verbessern und Nachträge sowie Schnittstellenkonflikte vermeiden. Gleichzeitig wird eine lösungsorientierte Projektkultur durch eine zeitgerechte Einbindung der Beteiligten gefördert. Dieser Artikel bildet den Auftakt einer Publikationsreihe zur IPA und stellt die Grundprinzipien der IPA und aktuelle IPA-Tunnelbauprojekte in Österreich und Deutschland vor.
Große und komplexe Infrastrukturprojekte, insbesondere Tunnelbauprojekte, zeigen immer wieder die Grenzen konventioneller Projektabwicklungsmodelle auf. Die Leistungserbringung über klassische Leistungsverzeichnisse in Kombination mit einem stark preisorientierten Vergabeverfahren begünstigt Konflikte, Nachträge und ineffiziente Abläufe. Operative Herausforderungen und die gemeinsame Zielerreichung treten dabei häufig in den Hintergrund. Aufgrund komplexer Risikoprofile, langer Projektlaufzeiten und hoher Unsicherheiten bei Kosten- und Terminprognosen sind vielmehr flexible und kooperative Ansätze erforderlich [1].
Innovative Projektabwicklungsmodelle mit partnerschaftlichem Ansatz, wie die Integrierte Projektabwicklung (IPA), adressieren diese Themen und bieten einen praxistauglichen Ansatz zur erfolgreichen Projektumsetzung. Ihre Wurzeln hat die IPA im englischsprachigen Raum, wo Modelle wie Integrated Project Delivery (IPD) oder Collaborative Project Delivery (CPD) angewendet werden [2].
Die Ausgestaltung eines partnerschaftlichen Projektabwicklungsmodells, wie die IPA, kann verschiedene Formen und Bezeichnungen annehmen. So wird in Österreich der Begriff „Allianzmodell“ verwendet, bei der Deutschen Bahn ist das „Partnerschaftsmodell Schiene“ im Einsatz und die Amprion GmbH hat den „Progressiven Partnerschaftsvertrag Tiefbau“ (PPT) für ihre Großprojekte entwickelt. In Bayern wird das neu entwickelte IPA-Kompakt-Modell angewendet. Alle Modelle beruhen allerdings auf denselben Grundprinzipien [3].
In Deutschland und Österreich werden derzeit zahlreiche Infrastrukturvorhaben nach den Prinzipien der IPA umgesetzt. Auch im Tunnelbau gewinnt dieses Kooperationsmodell zunehmend an Bedeutung. Erste abgeschlossene Tunnelbauprojekte in Österreich liefern bereits wertvolle praktische Erfahrungen, aus denen sich grundlegende Erkenntnisse und „Lessons Learned“ ableiten lassen.
Die Publikationsreihe zur IPA verfolgt das Ziel, diese gewonnenen Erkenntnisse systematisch aufzubereiten und zugänglich zu machen. Darüber hinaus sollen ausgewählte IPA-Projekte vorgestellt sowie unterschiedliche Ausprägungen integrierter Projektabwicklungsmodelle analysiert werden. Der vorliegende Beitrag widmet sich den grundlegenden Prinzipien der Integrierten Projektabwicklung und bietet einen Überblick über aktuelle Tunnelbauprojekte, in denen IPA-Modelle zur Anwendung gelangen.
Zur systematischen Aufbereitung und Weitergabe von Projekterfahrungen, „Best Practices“ und „Lessons Learned“ wurde an der Universität der Bundeswehr München das Kompetenzzentrum für partnerschaftliche Abwicklung von Bauprojekten, der IPD Innovation Hub (www.ipd-hub.de), eingerichtet. Der IPD Hub dient als zentrale Forschungs- und Austauschplattform zur Erfassung, Analyse und Dissemination von Erfahrungen aus Projekten mit partnerschaftlicher Projektabwicklung. Bislang wurden dort Erkenntnisse aus mehr als zwanzig nationalen und internationalen Projekten mit unterschiedlichen Ausprägungen partnerschaftlicher Vertrags- und Organisationsmodelle systematisch ausgewertet.
Der IPD Innovation Hub versteht sich als offene und interdisziplinäre Plattform für alle Akteure des Bauwesens – von öffentlichen und privaten Auftraggebern über Planer und Bauunternehmen bis hin zu wissenschaftlichen Institutionen. Initiiert wurde er im Rahmen des dtec.bw-Forschungsprojekts DigiPeC, das durch NextGenerationEU finanziert wird, und er erhält Unterstützung durch den Bayerischen Bauindustrieverband, die Bundeswehr sowie Förderprogramme wie Zukunft Bau.
Ziel des IPD Innovation Hub ist es, den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis zu stärken, den interdisziplinären Austausch zu fördern und damit einen Beitrag zur nachhaltigen Etablierung partnerschaftlicher Projektabwicklungsmodelle im Bauwesen zu leisten [4].
Die in Bild 1 dargestellten und in diesem Kapitel näher erläuterten Grundprinzipien der IPA bilden das Fundament für die Entwicklung von partnerschaftlichen Projektabwicklungsmodellen. Je nach Projektgröße, Zielsetzung und Rahmenbedingungen können diese Modelle unterschiedlich ausgeprägt sein, folgen jedoch stets dem Leitgedanken „Best for Project“ – also dem Vorrang des Projekterfolgs vor Einzelinteressen. Dieser Gedanke prägt Entscheidungen, Prozesse und Verhaltensweisen der Beteiligten. Ziel ist eine kooperative, transparente und ergebnisorientierte Zusammenarbeit, die Wirtschaftlichkeit, Qualität und Termintreue gleichermaßen fördert. Bei der Initiierung von IPA-Projekten ist großer Wert auf die Entwicklung eines projektspezifischen Abwicklungsmodells zu legen. Hierfür wurde das Progressive Partnerschaftsvertrag Framework (PPF) entwickelt, das in einem der folgenden Artikel beschrieben wird [5].
Beteiligung am Projekterfolg durch anreizbasiertes Vergütungsmodell
Die wirtschaftlichen Interessen von Auftraggeber und Auftragnehmer werden durch gemeinsame Zielkosten, offene Kalkulationen und Abrechnung (Open-Book-Prinzip) sowie Bonus-Malus-Regelungen aufeinander abgestimmt. Dieses System fördert ein gemeinsames Interesse an Effizienz und Projekterfolg. Zudem entsteht ein starker Anreiz, wirtschaftliche Lösungen zu entwickeln, die dem Gesamtprojekt zugutekommen, da alle Beteiligten direkt am Projekterfolg beteiligt sind.
Gemeinsames Kosten- und Risikomanagement
Risiken (Gefahren und Chancen) werden gemeinsam identifiziert, bewertet und gesteuert. Statt einseitiger Risikoübertragung steht ein kooperativer Umgang im Vordergrund. Probabilistische Simulationen bilden dabei die Grundlage für eine realistische Zielkostenfestlegung. Besonders im Tunnelbau, wo geologische Unsicherheiten und Baugrundrisiken erhebliche Auswirkungen haben können, ist dieses Prinzip zentral für Kosten- und Terminsicherheit.
Partnerschaftliche Kultur durch lösungsorientierte
Konfliktbearbeitung
Konflikte werden frühzeitig erkannt und gemeinsam gelöst. Der Fokus liegt auf lösungsorientierter Kommunikation und einer partnerschaftlichen Haltung über alle Projektphasen hinweg, mit dem Ziel, Konflikte zu reduzieren und das Vertrauen unter den Projektbeteiligten zu stärken.
Gemeinsames Projektmanagement, gemeinsame
Projektverantwortung
Alle Projektbeteiligten treffen gemeinsam Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für die Projektergebnisse. Durch integrative Steuerungsstrukturen werden Schnittstellen reduziert und die Gesamtkoordination verbessert. Gerade bei komplexen Bauabläufen, wie sie im Tunnelbau typisch sind, führt diese gemeinsame Steuerung zu höherer Planungssicherheit und Projektqualität.
Transparenz, Vertrauen und offene Kommunikation
Ein offener Informationsaustausch und vollständige Kostentransparenz schaffen Vertrauen, ein einheitliches Projektverständnis und sichern eine objektive Entscheidungsfindung. Dies stärkt das Teamverständnis und ermöglicht ein gemeinsames Handeln, auch in kritischen Phasen des Projekts.
Kompetenzverknüpfung durch zeitgerechte
Einbindung der Beteiligten
Die zeitgerechte Einbindung aller wesentlichen Akteure, wie Planer, Bauunternehmen und Betreiber, ermöglicht die optimale Nutzung von technischem und wirtschaftlichem Know-how. So lassen sich Planungsfehler vermeiden, Bauverfahren optimieren und Schnittstellenrisiken reduzieren.
Internationale Erfahrungen sowie die abgeschlossenen IPA-Projekte bzw. Allianzprojekte in Österreich zeigen, dass eine partnerschaftliche Projektabwicklung wesentlich zum Projekterfolg beiträgt. Dabei lassen sich folgende positive Effekte beobachten:
hohe Kosten- und Terminsicherheit
reduziertes Projektrisiko durch gemeinsames und
ganzheitliches Risikomanagement
weniger Vertragsstreitigkeiten durch transparente
Entscheidungsprozesse
gesteigerte Innovation und Nachhaltigkeit durch
frühzeitige Kooperation
verbesserte Ausführungsqualität
stärkere Teamkultur mit konstruktiver Konfliktlösung
Die Karte in Bild 2 zeigt eine Übersicht von Infrastrukturprojekten (blaue Linien sowie blaue und orange Punkte) in Deutschland und Österreich, die die Grundprinzipien der IPA in ihre Projektabwicklungsmodelle integriert haben. Die auf der Karte dargestellten Projekte (Tunnelbauprojekte, Kraftwerke, Brücken, Kabeltrassen) verwenden unterschiedliche partnerschaftliche Projektabwicklungsmodelle. Darunter Allianzverträge (vor allem in Österreich gebräuchlich), das Partnerschaftsmodell Schiene (DB) oder der Progressive Partnerschaftsvertrag Tiefbau (PPT, Amprion GmbH). Die Tunnelprojekte sind durch orange Punkte hervorgehoben.
Wie auf dem 8. Internationalen BBB-Kongress (2025) in Wien vorgestellt, gibt es in Österreich inzwischen einige Projekte, die erfolgreich mit Allianzmodellen umgesetzt worden sind. Beispiele aus dem Bereich Tunnelbau sind der Rohbaustollen Angath im Rahmen des Bauprojekts Brenner-Nordzulauf (Bild 3) sowie der Erkundungs- und spätere Rettungsstollen Tisis des Stadttunnels Feldkirch (Bild 4). Der Rettungstunnel des Schmittentunnels (Land Salzburg) wurde mit einem Allianzmodell „Light“ umgesetzt. Weitere Projekte mit Allianzmodell in der Planung oder Ausführung sind der Landecker Tunnel an der A12, die Sanierungen des Tauern- und Katschbergtunnels an der A10 [6], die Erneuerung des Kraftwerks Reutte, die zweite Etappe der Modernisierung des Tauerntunnels und der zweite Teil des Flucht- und Rettungstunnels am Schmittentunnel.
Darüber hinaus befinden sich auch in Deutschland Tunnelbau-Großprojekte in Planung oder Umsetzung, bei denen verschiedene IPA-Modelle zum Einsatz kommen, darunter etwa das Los VE734 der 2. S-Bahn-Stammstrecke München (DB InfraGo AG; Bild 5), die Ausbaustrecke Gäubahn Nord –
Pfaffensteigtunnel (DB InfraGo AG), die Rheinquerung der Stromtrasse A-Nord (Amprion GmbH), die Fehmarnsundquerung (DB InfraGo AG; Bild 6) und die Elbquerung der Stromtrasse B (Amprion GmbH; Bild 7).
Wie wirkungsvoll solche Modelle sein können, zeigt das erste österreichische Tunnelbauprojekt mit einem Allianzvertrag – das Gemeinschaftskraftwerk Inn (GKI). Eine Studie der Universität der Bundeswehr München (UniBw M) verglich dort die Vortriebsleitung unter Allianzvertrag mit der unter Einheitspreisvertrag. Die Ergebnisse bestätigten eine reduzierte Bauzeit durch kooperatives und proaktives Risikomanagement im Allianzvertrag [7].
Die fortschreitende Anwendung von IPA-Modellen in unterschiedlichen Infrastrukturbereichen zeigt, dass kooperative Ansätze zunehmend als wirksame Instrumente zur Realisierung von komplexen Projekten eingesetzt werden.
In kommenden Fachbeiträgen wird über ausgewählte Projekte und Erfahrungen bei der Anwendung der IPA berichtet. Dabei sollen insbesondere die gewählten Projektabwicklungsmodelle, die zentralen Erfolgsfaktoren sowie die übertragbaren Erkenntnisse für künftige Projekte im Mittelpunkt stehen.
Der nächste Beitrag stellt anhand des Progressiven Partnerschaftsvertrags Framework den Initiierungsprozess eines partnerschaftlichen Projektabwicklungsmodells vor – von der Vorbereitung über die schrittweise Modellentwicklung bis zur vertraglichen Ausgestaltung.
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